Wo sitzt die Empathie?

Trotz der verbreiteten Symbolsprache voller Herzchen fummeln die Herzchirurgen nicht an unserer Empathie herum. Aber die körperliche Basis für die Empathie wurde inzwischen tatsächlich  gefunden: das System der Spiegelneuronen in unserem Kopf.

Spiegelneuronen sind Nervenzellen, die unwillkürlich feuern, sobald wir andere Menschen in ihrem Verhalten beobachten. Wenn wir jemandem zusehen, wie er sich einen Kaffee einschenkt, wird das Programm “Kaffee einschenken” in unserem Kopf – genauer im prämotorischen Cortex – gestartet. Die Handlung muss daraufhin nicht ausgeführt werden, aber die Simulation läuft vollständig ab, inclusive der dazugehörigen Empfindungen.

Grob gesagt ereignet sich Folgendes: Das Sehzentrum (im Hinterhauptslappen Ihres Gehirns) leitet seine Beobachtung an das visuelle Interpretationssystem (im Schläfenlappen) weiter. Das interessiert sich für die Informationen nur, wenn ein lebender, handelnder Mensch beobachtet wird. Sonst ist hier Schluss – keine Empathie gegenüber Maschinen. Körperbewegungen und Mimik, hier insbesondere die Blicke, werden interpretiert und an das Spiegelsystem für Empfindungen und von dort an die Zellen für Handlungsplanung weitergeleitet. Direkt verbunden ist auch die Emotionsschaltzentrale, der Gyrus Cinguli (nein, nicht Gyros!). Gut beschrieben ist das Ganze in einem Buch von Joachim Bauer mit dem passenden Titel “Warum ich fühle, was du fühlst”.

Im Prinzip spüren wir also unmittelbar intuitiv, was im anderen vorgeht. Doch um einige Einschränkungen komme ich nicht herum:

Wir können nur im Rahmen der eigenen Denk- und Empfindungsmuster interpretieren und die meisten Situationen sind nicht eindeutig. Insbesondere bei Fremden können wir uns kräftig verfühlen, vor allem wenn sie aus einer anderen Kultur kommen.

  • Die Spiegelsysteme sind bei verschiedenen Menschen unterschiedlich gut ausgeprägt. Die grundsätzliche Anlage bei gesunden Menschen muss schon im Säuglingsalter genutzt werden, damit sie nicht verkümmert. Keine Sorge, im Normalfall wird sie das, aber eben unterschiedlich stark
  • Bei Angst und Stress leidet die Leistungsfähigkeit der Spiegelsysteme, sodass die Intuition sehr unzuverlässig wird. Übrigens senkt das auch die Lernfähigkeit. Möglichst viel Druck aufzubauen, ist also auch neurobiologisch fragwürdig.
  • Es ist von daher schon sinnvoll, dass wir auch über einen analytischen Verstand verfügen, der zwar langsamer ist, aber eine enorm gute Ergänzung.

Die spannende Frage ist nun, ob die Empathiefähigkeit verbessert werden kann, wenn Empathie so unwillkürlich abläuft. Darüber mehr im nächsten Artikel

Ich weise vorsichtshalber darauf hin, dass ich mich hier fröhlich von meinem Wissensschwerpunkt entferne. Wer mehr wissen möchte, kann sich zum Beispiel das oben genannte Buch zulegen oder auch Werke von Manfred Spitzer lesen. Anschaulich hat er die Entdeckung der Spiegelneurone in einer Sendereihe des BR erklärt.

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