Wir sind alle besser als der Durchschnitt
90% der Autofahrer glauben, besser als der Durchschnitt zu fahren, habe ich irgendwo gelesen. Geht nicht? Richtig. Dann wäre ja der Durchschnitt kein Durchschnitt mehr, was ihn vielleicht freuen würde, aber trotzdem Unsinn ist.
Wenn ich mit Führungskräften Testergebnisse bespreche, sind die meisten von Ihnen enttäuscht, falls sie durchschnittliche Werte bei Eigenschaften aufweisen, die ihnen wichtig sind.
Obwohl ich kurz zuvor erläutert habe, dass ihre Aussagen mit denen einer Normstichprobe aus lauter Führungskräften verglichen wurden, muss ich nun erinnern: „Das bedeutet, dass Sie ähnlich leistungsmotiviert sind wie eine Mehrzahl der Führungskräfte aus der Normstichprobe. Es ist also angekommen, dass Leistung Ihnen wichtig ist, wie es auch hier im Test steht.“
Was ist da los? Können Geschäftsführer, Bereichs- und Abteilungsleiter mittelständischer Unternehmen plötzlich nicht mehr selber lesen und sind verstandesmäßig überfordert – selbst nach Erläuterung – von Zusammenhängen zwischen Normstichproben und Testergebnissen? Wohl kaum! Mit dem Verstand ist alles in Ordnung, aber ihr Wissen ist „Eunuchen-Wissen“: Man weiß, wie es geht, kann es aber nicht anwenden.
Die Gefühle sind schneller als die rationale Reflexion. Wir sehen den durchschnittlichen Wert und bevor unser Verstand seine Bedeutung eruieren kann, seufzt das strebsame Schulkind in uns: „Och, nur `ne 3!“ Genauso unreflektiert jubelt es über den Spitzenwert bei Durchsetzungsstärke, bis ich die Reflexion durch Fragen unterstütze: „Kriegen Sie eigentlich mit, wenn jemand eine bessere Idee hat als Sie? Geht es ihnen um gute Lösungen oder nur um das Durchsetzen?“ Das sind keine rhetorischen Fragen, denn das kritische Bewusstsein für diese potenziellen Nachteile kann vorhanden sein, ist aber in diesem Augenblick nicht aktiv.
Darüber hinaus wird der Verstand auch noch vom Reihenfolgeeffekt überrumpelt: Nach drei Eigenschaften mit Ausprägungen zwischen 8 und 10 fühlt sich 6 recht mickrig an. Wenn die vorigen Eigenschaften zwischen 2 und 3 liegen, kann die 6 ein zufriedenes Lächeln auf mein Gesicht zaubern.
Zu allem Überfluss geht es bei Persönlichkeitstests gar nicht um gut und schlecht, sondern um Beschreibungen. Die Frage ist zum Beispiel: Passen die beschriebenen Eigenschaften zur (angestrebten) Position und Tätigkeit oder was passt besser zu mir? Aber das ist ein anderes Thema.
Was ist denn nun das Fazit? Auch Führungskräfte sind nur Eunuchen? Das wäre eine potenziell missverständliche Aussage. Eher: Niemand ist emotionslos rational. Deshalb können psychologische Testergebnisse auch bei den schönsten Beschreibungen und Erklärungen in den falschen Hals geraten und sollten persönlich besprochen werden. Ohne Ergebnisgespräch sind die Ergebnisse sowieso nur sehr bedingt brauchbar. Auch testtheoretisch einwandfrei wissenschaftlich entwickelte psychologische Persönlichkeitstests sind in ihrer Aussagefähigkeit begrenzt. Für personelle Entscheidungen und Entwicklungsmaßnahmen bilden sie keine ausreichende Basis. Als Ergänzung zu persönlichen Gesprächen, Beobachtungen und Feedback von anderen sind sie ein sehr nützliches Hilfsmittel.